LGBTIQ* in Berlin: Warum queere Solidarität 2026 wichtiger ist denn je
- Markus Aspetzberger

- 16. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 21. Jan.

Berlin kann für Menschen so vieles sein: Heimat, Bühne, Arbeitsplatz, Rückzugsort, Experimentierfeld, Zuhause auf Zeit. Für viele Menschen aus der LGBTIQ*-Community war die Stadt über Jahrzehnte vor allem ein Ort, an dem Freiheit möglich schien. Wenn ich heute mit offenen Augen und Ohren durch Berlin gehe, gewinne ich jedoch zunehmend den Eindruck, dass die Stadt für viele auch zu einem Ort von Erschöpfung, Unsicherheit und Ausgrenzung wird.
Wenn ich deshalb für 2026 einen späten Vorsatz formulieren dürfte, dann wäre es dieser:
Lasst uns als Community mehr zusammenstehen.
Wenn Solidarität nach innen brüchig wird
Als mir eine Person im Coaching zum ersten Mal erzählte, jemand habe zu ihr gesagt: "Du bist ja nur schwul", war ich so überrascht, dass ich nicht wusste, ob ich lachen oder weinen soll. So absurd diese Aussage für mich klingt: Im konkreten Kontext zielte sie darauf ab, der Person ihre trans* Identität abzusprechen. Und plötzlich stand eine Frage im Raum, die mich seitdem nicht loslässt: Seit wann gibt es innerhalb der Community wieder eine Rangfolge? Und wozu soll sie dienen?
Ich teile die Sicht vieler, dass schwule Männer nicht das Zentrum der Community sein müssen. Und dieser Text soll keine Wehklage werden - eher eine Erinnerung. Eine Erinnerung daran, dass queere Rechte historisch immer wieder von unterschiedlichen Gruppen vorangetrieben wurden: Dragqueens, trans* Aktivist*innen, lesbische und schwule Menschen, Bündnisse quer durch Szenen und Generationen. Und ebenso eine Erinnerung daran, dass es nie eine "gute alte Zeit" gab, in der wir uns automatisch respektiert hätten. Es gab immer auch Ausschluss, Abwertung und Normen: schwule Ideale, die andere ausschließen; lesbische Erwartungen, die Druck erzeugen; trans Realitäten, die mit Ungeduld, Schmerz oder Wut verbunden sein können, vieles davon als Reaktion auf dauerhafte Grenzerfahrungen.
Vielleicht ist die entscheidende Frage deshalb auch nicht "früher oder heute", sondern: Wie gestalten wir die "gute neue Zeit" - jetzt?
Was macht eine Community aus?
Wir sprechen gern von "der" LGBTIQ*-Community. Aber was macht eine Community im Kern aus? Für mich sind es weniger Labels als eine gemeinsame Praxis: zusammen sein, sich respektieren, aufeinander zugehen, neugierig bleiben, voneinander lernen, sich in der Vielfalt zusammengehörig fühlen und nach außen füreinander einstehen.
Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie gut gelingt uns das in Berlin gerade?
Warum ich daran glaube, dass es möglich ist
Als Coach habe ich das Privileg, mit sehr unterschiedlichen Menschen arbeiten zu dürfen, auf jede einzelne Lebensrealität neugierig zu sein. Mein eigenes Ideal ist dabei recht schlicht: in meinem Einflussbereich die Welt ein kleines Stück besser zu machen. Menschen dabei zu unterstützen, neue Perspektiven zu gewinnen und im Laufe eines Coachings mehr Optionen zu sehen, als sie vorher für möglich gehalten haben.
Vielleicht macht mich das optimistisch. Aber ich sehe: Es ist möglich. Jede Person hat Einfluss auf die unmittelbare Umgebung - und damit auch darauf, ob Räume sicher, lernbereit und solidarisch wirken.
Wenn Vielfalt zu Abgrenzung wird
Natürlich ist die LGBTIQ*-Community kein homogener Block. Sie ist ein Geflecht aus Biografien, Sprachen, Altersgruppen, Identitäten, Körpern, Erfahrungen und Szenen. Und ja: auch aus unterschiedlichen politischen Haltungen, Bedürfnissen und Schutzstrategien.
Gefühlt kippt diese Vielfalt aktuell wieder öfter in Abgrenzung:
Szene gegen Szene
"politisch genug" gegen "nicht politisch genug"
trans* gegen cis, binär gegen nichtbinär
jung gegen alt
akademisch gegen nicht-akademisch
Modelkörper gegen Bodypositivity
People of Color, die auch in queeren Räumen Rassismus erleben müssen
Nicht alles davon passiert bewusst. Vieles entsteht aus Unsicherheit, Stress oder dem Wunsch nach Zugehörigkeit. Was bleibt, ist die Wirkung: Verbindung beginnt zu zerbröseln.
Vielleicht hilft es, wenn wir uns daran erinnern, dass wir mehr sind als ein Buchstabe. Eine Person kann schwul sein - und zugleich Coach, Partner, Kind, Freund, Kollege, Gärtner, Radfahrer, Reisender. Nichts davon definiert einen Menschen ausschließlich. Alles davon gehört trotzdem dazu.
"Queer" ist groß - und "schwul" ist nicht automatisch sicher
Manchmal hängen wir uns immer noch an Begriffen auf. Manchmal wirkt "queer" so groß und so umfassend, dass das Konkrete verloren geht. Und manchmal wird "schwul" in Berlin fast wie eine Selbstverständlichkeit behandelt: als gäbe es damit automatisch Schutz, Stärke, Szene, Zugehörigkeit. Viele erleben das so. Aber oft reicht ein Schritt aus der Bubble hinaus, um zu merken: viele auch nicht.
Ein Blick auf eine Szene, die ich selbst ganz gut kenne. Auch, oder gerade, unter schwulen Männern gibt es Einsamkeit, Scham, innere Härte, Konkurrenz, Körperdruck, Altersdruck, Rassismus, Klassismus und die Angst, nicht zu genügen. Berlin kann das verstärken: weil die Möglichkeiten so groß sind - und die Vergleiche überall.
Wäre nicht allen geholfen, wenn 2026 ein Jahr wäre, in dem auch schwule Männer ein bisschen weniger gegeneinander und ein bisschen mehr miteinander leben? Wenn sie sich für andere Teile der Community öffnen, sich eigener Privilegien bewusster werden - und gleichzeitig bereit sind, von anderen zu lernen? Diese Gruppe hat viel und lange für Freiheit, Sichtbarkeit und Gleichberechtigung gekämpft. Darauf könnten wir jetzt so gut aufbauen. Gemeinsam.
Und deshalb richtet sich mein Wunsch an die gesamte LGBTIQ*-Community:
Lasst uns verstehen, dass unsere Vielfalt unsere Stärke ist - keine Berliner Mauer.
Und was hat das mit Coaching zu tun?
Für diesen Text ist Coaching eine der Brillen, die ich beim Schreiben aufhabe. Ich arbeite nun mal als systemischer Coach in Berlin und begleite Menschen aus der Vielfalt der LGBTIQ*-Community: schwule Männer, lesbische Frauen, bisexuelle Menschen, trans* Personen, nichtbinäre Personen. Manchmal ist Identität im Coaching ein zentrales Thema. Manchmal ist sie "nur" Kontext für Beruf, Führung, Krisen, Beziehungen, Selbstwert, Sichtbarkeit oder Entscheidungen.
Dabei erlebe ich, wie entlastend es dabei sein kann, dass der Kontext nicht erst übersetzt werden muss - und so Energie für das Wesentliche frei wird: für Klarheit, Selbstführung und stimmige Entscheidungen. Und ich erlebe, dass das für Menschen gilt, egal ob sie sich zu einem der Buchstaben LGBTIQ, dem * oder nichts davon zugehörig fühlen. Wir haben eben doch viel mehr gemein, als uns trennt.
Drei kleine, umsetzbare Vorsätze für 2026
Wenn ich den Vorsatz "mehr Zusammenhalt" in konkrete, machbare Handlungen übersetzen müsste, wären es diese drei:
Einen Moment weniger Konkurrenz, einen Moment mehr Kontakt
Ein Satz, ein Blick, eine kleine Geste von Respekt. Nicht nur da, wo es leicht ist.
Klare Grenzen ohne Abwertung
Zwischen "das passt nicht" und "du bist nichts" liegt ein großer Unterschied.
Lernbereitschaft statt Rechthaben
Wenn Menschen aus anderen Szenen Dinge benennen: erst zuhören. Nicht sofort verteidigen.
Wenn jede Person von uns 2026 in Berlin manchmal an diese drei Dinge denkt, sie umsetzt oder es zumindest versucht, können wir der gefühlt stürmischen Großwetterlage gemeinsam etwas entgegensetzen.
Und wenn wir ehrlich sind: Das gilt nicht nur für die LGBTIQ*-Community. Jede Person in dieser Stadt kann das leben. Unabhängig von Konflikten, Religion oder Politik.
Vielleicht schaffen wir so ein Jahr, in dem Berlin wahrscheinlich noch immer nicht perfekt ist - aber verbundener.


